End FGM/C!

Stoppt die weibliche Genitialbeschneidung

Es gibt verschiedene Formen der weiblichen Genitalbeschneidung (FGM/C).

Diese unterscheiden sich je nach Region und praktizierender Gemeinschaft. Auch der Zeitpunkt der Beschneidung, respektive das Alter der Betroffenen bei der Beschneidung, variiert.

Definition

Weibliche Genitalbeschneidung (Female Genital Mutilation/Cutting FGM/C) ist eine Form von innerfamiliärer, körperlicher Gewalt und stellt eine Kindeswohlgefährdung dar. Grundsätzlich gestaltet sich der Umgang mit FGM/C analog zu anderen Formen von Gewalt an Kindern. Bei FGM/C kommt hinzu, dass es eine sehr spezifische Form von Kindeswohlgefährdung ist und es dessen Spezifika zu berücksichtigen gilt: Es gelten andere Risikofaktoren als bei anderen Formen von innerfamiliärer Gewalt. Die Gefährdung geht zwar auch hier von Personen aus der Familie bzw. dem sozialen Nahbereich des Mädchens aus. FGM/C kann aber als isolierte Gefährdungssituation vorkommen, ohne dass es weitere Anhaltspunkte für Gewalt oder Missbrauch in der Familie gibt. Erschwerend kommt bei gewissen Fällen ein transnationaler Aspekt hinzu (gefährdete Mädchen befinden sich im Ausland oder sollen ins Ausland gebracht werden).

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fasst unter weiblicher Genitalverstümmelung/ -beschneidung (Female Genital Mutilation/Cutting, FGM/C) alle Praktiken zusammen, bei welchen die äusseren weiblichen Geschlechtsorgane aus nicht medizinischen Gründen teilweise oder vollständig entfernt beziehungsweise verletzt werden

«Ich möchte, dass niemandem mehr so etwas angetan wird wie mir. Es muss aufhören!» Das sagt eine Somalierin, die in der Sprechstunde von Dr. Jasmine Abdulcadir sitzt. Sie ist eine von vielen Frauen, die deswegen zu der Frauenärztin kommen. Sie haben in ihrem Heimatland Schreckliches erlebt und leiden heute noch unter den Folgen.

In 30 Ländern wird Genitalverstümmelung praktiziert: Mädchen und Frauen werden aus Tradition auf verschiedene Arten genital beschnitten. In einigen Regionen danach gar zugenäht.

No fear
You are eternal

Verbreitung von Genitalverstümmelung in Afrika

Am stärksten verbreitet ist die Genitalverstümmelung in Somalia, Guinea und Dschibuti. Dort sind neun von zehn Frauen von dieser Tradition betroffen.

«Eine der verschiedenen Arten der Genitalverstümmelung ist die Infibulation, dies ist die Verengung der Vulva. Die infibulierten Frauen können unter urinären Problemen leiden, zum Beispiel, dass sie nicht richtig Urin lösen können, weil die Öffnung so klein ist.» Es dauere jeweils 10 bis 15 Minuten, bis ihre Blase geleert sei.

Diese Frauen könnten auch Menstruations- und sexuelle Beschwerden aufweisen, erklärt die Spezialistin für Genitalverstümmelung am Universitätsspital Genf. Diese Verengung kann operativ geöffnet werden. Für eine natürliche Geburt ist eine Operation gar zwingend.

Wenn sie dann in der Schweiz sind, merken die Frauen auf einmal, dass Genitalverstümmelung nicht normal ist: «In ihren Herkunftsländern hat sie Tradition, die Frauen gelten als schön und sauber, wenn sie beschnitten sind. Diese Erkenntnis kann in den Frauen ein Leiden auslösen.»

Sense
The sense of life

Behutsamer Umgang mit Betroffenen

Es sei deshalb besonders wichtig, dass sie Anlaufstellen hätten, wo sie gut beraten würden: «Die Patientinnen zu informieren, ist ein wichtiger Bestandteil unserer Betreuung und Behandlung. Ich erkläre zum Beispiel einer 40-jährigen Frau, dass sie eine intakte Klitoris hat, oder kann jemandem mit einer Operation oder einem Rat weiterhelfen. Ich habe Frauen behandelt, die mit 60 Jahren zum ersten Mal offen über ihre Beschneidung sprechen konnten.»

Genitalverstümmelung ist ein Tabuthema – in den betroffenen Familien, aber zum Teil auch beim medizinischen Personal.

Seit zehn Jahren führt Abdulcadir Beratungen und Operationen für beschnittene Frauen durch. Sie schult auch Ärzte und Pflegepersonal im In- und Ausland.
Die Thematik sei sehr vielfältig und auch sehr heikel, ein sensibles Vorgehen sei darum zwingend: «Das Erlebnis und die Art der Verstümmelung sind bei jeder Frau anders, ebenso ihr Umgang damit. Die Frauen kommen aus komplett anderen Kulturen. Gewisse kennen ihre Rechte nicht, und viele sprechen eine andere Sprache. Es ist also an uns, sie und ihre Partner in Zusammenarbeit mit zertifizierten Dolmetschern gut zu informieren.»

Nousound
New Album 01.10.2020

Sexuelles Empfinden trotz Verstümmelung

Es gibt verschiedene Arten von Genitalverstümmelung, alle sind gemäss der UNO und der Schweizer Rechtsprechung illegal. Einige Formen umfassen auch die Entfernung der Klitoris. Trotz deren Entfernung könnten Frauen aber theoretisch sexuelle Lust empfinden: «Die Klitoris kann nicht vollständig entfernt werden, sondern nur äusserlich. Im Innern ist sie ungefähr 12 Zentimeter gross. Mit oder ohne operativen Eingriff ist es also möglich, dass eine beschnittene Frau Lust verspürt.»

Wenn eine Frau es wünsche, könne der versteckte Teil der Klitoris operativ nach aussen versetzt werden. Der Eingriff an sich dauere eine Stunde, brauche aber eine enge Betreuung davor und danach, nicht nur von der spezialisierten Frauenärztin selbst, sondern auch von einer spezialisierten Psychologin.

Kid Soldiers

Kindersoldaten

Das offizielle globale Bild von FGM/C ist unvollständig

Laut offiziellen UNICEF-Zahlen (2020) sind weltweit mindestens 200 Millionen Frauen und Mädchen in 31 Ländern von FGM/C betroffen. Diese Zahl umfasst allerdings nur Länder, in denen Daten aus umfangreichen repräsentativen Umfragen verfügbarsind; diestrifft auf 27 Länder des afrikanischen Kontinents sowie Irak, Jemen, die Malediven und Indonesien zu. Es ist allgemein anerkannt, dass dies ein lediglich unvollständiges Bild dieses globalen Phänomens zeichnet. Die aktuellen, bereits besorgniserregenden Zahlen sind eine bedauerliche Unterrepräsentation, da sie zahlreiche Länder, in denen keine landesweiten Daten zur FGM/C-Prävalenz verfügbar sind, nicht berücksichtigen.

Namaste
Namaste

FGM/C ist auf allen Kontinenten außer der Antarktis präsent
Wie dieser Bericht zeigt, gibt es zunehmend Nachweise dafür, dass FGM/C weltweit in zahlreichen Ländern Afrikas, Asiens, des Nahen Ostens, Lateinamerikas, Europas und Nordamerikas in indigenen und/oder Diasporagemeinschaften stattfindet. Überlebende von FGM/C, Aktivisten und Grassroots-Organisationen, die mutig und unermüdlich daran arbeiten, FGM/C weltweit zu beenden, haben indirekte Schätzungen und kleine Forschungsumfragen durchgeführt sowie anekdotische Evidenz, die die Praxis dokumentiert, gesammelt.
Mit diesen Nachweisen haben sie betroffene Frauen und Mädchen unterstützt und sich bei politischen Entscheidungsträgern, Gerichten und lokalen Behörden dafür eingesetzt, rechtliche und politische Rahmenbedingungen gegen FGM/C einzuführen und durchzusetzen.
Alleine im Jahr 2019 wurden neue 3 Studien veröffentlicht, die die Praxis von FGM/C in Sri Lanka, Saudi-Arabien und Malaysia dokumentieren. Darüber hinaus wurde 2019 eine national repräsentative Umfrage auf den Malediven veröffentlicht, die konkrete Beweise für die Praxis von FGM/C im Land liefert.
FGM/C wird in mindestens 92 Ländern praktiziert – und diese müssen alle im internationalen Mittelpunkt des Interesses stehen

Überlebende von FGM/C sind Frauen und Mädchen, die FGM/C erlebt haben. Für die Zwecke dieses Berichts wird der Ausdruck „Überlebende von FGM/C“, „Überlebende“ oder „Frauen und Mädchen, die FGM/C erfahren haben“ verwendet, wenn sich auf diese mutigen Frauen und Mädchen bezogen wird.

Wie dieser Bericht zeigen wird, gibt es 32 Länder, in denen national repräsentative Daten zu
FGM/C verfügbarsind. Darüber hinaus gibt es mindestens 60weitere Länder, in denen die Praxis von FGM/C entweder durch indirekte Schätzungen (die normalerweise in Ländern, in denen FGM/C hauptsächlich von Diasporagemeinschaften praktiziert wird, zur Anwendung kommen), durch kleine Studien oder durch anekdotische Evidenz und Medienberichte dokumentiert worden ist. Dieser Bericht zielt zwar nicht auf eine umfassende Überprüfung aller Daten zu FGM/C ab, zeigt jedoch deutlich, dass FGM/C eine globale Praxis ist, die eine globale Reaktion erfordert. Wenn wir bis 2030 eine weltweite Beendigung von FGM/C erreichen wollen, müssen wir die FGM/C-Prävalenz in jedem Land messen und die weltweiten Bemühungen zur
Beendigung dieserschädlichen Praxis beschleunigen.

AI - KI
You gonna be machine

Mangelndes globales Bewusstsein führt zu einem Mangel an globalen Maßnahmen und Investitionen Trotz der starken und sich  ständig weiterentwickelnden Evidenzbasis für die globale Präsenz von
FGM/C ist das Bewusstsein der Öffentlichkeit und der Regierungsvertreter für den globalen Charakter der Praxis von FGM/C nach wie vor gering. Aktivisten und Gruppen, die daran arbeiten, FGM/C zu beenden, stehen bei ihrer Arbeit vor enormen Herausforderungen, die in vielen Fällen durch den Mangel an verlässlichen Daten, die unzureichende Unterstützung und Finanzierung
durch die internationale Gemeinschaft und die Zurückhaltung der nationalen Regierungen, Maßnahmen in diesem Bereich zu ergreifen, verstärkt werden. Dies gilt besonders für jene Länder, die traditionell nicht als FGM/C-praktizierende Länder bekanntsind.
Es ist allgemein anerkannt, dass die Bemühungen zur Beendigung von FGM/C stark unterfinanziert sind und dringende Investitionen erfordern. Während sich der Großteil der derzeitigen Finanzierung auf eine begrenzte Anzahl von Ländern in der afrikanischen Region konzentriert, sind die entsprechenden Akteure in diesen Ländern immer noch äußerst unzureichend ausgestattet. Asien, der Nahe Osten und Lateinamerika erhalten wenig bis gar keine Investitionen. In diesen Regionen erkennen mehrere Regierungen immer noch nicht an, dass FGM/C in ihren Ländern praktiziert wird (und in einigen Fällen bestreiten sie dies sogar offen), wodurch die Arbeit lokaler Überlebender und Aktivisten untergraben und teilweise öffentlich diskreditiert wird.
Nur 51 Länder auf der Erde haben Gesetze gegen FGM/C eingeführt Der weltweit mangelnde politische Wille und das Bewusstsein für die Existenz von FGM/Cwirken sich auf die Verfügbarkeit von Schutzmaßnahmen für gefährdete Frauen und Mädchen aus. Von den 92 Ländern mit verfügbaren Daten zu FGM/C befassen sich nur 51innerhalb ihres nationalen Gesetzesrahmens explizit mit FGM/C. Dabei ist die offizielle Anerkennung von FGM/C als Gesetzesverstoß (sei es in einem eigenständigen Anti-FGM/C-Gesetz oder durch spezifische
Bestimmungen in bestehenden Gesetzen) wohl der erste Schritt zur Umsetzung nationaler Interventionen, um diese Praxis zu beseitigen und Frauen und Mädchen zu schützen.
Dies beinhaltet die 31 in den UNICEF-Daten erfassten Länder sowie Sambia.

last tree
Only when …

Gesetze gegen FGM/C sind am weitesten auf dem afrikanischen Kontinent sowie in Ländern, in denen FGM/C von Diasporagemeinschaften praktiziert wird, einschließlich Europa und Nordamerika, verbreitet. Asien und der Nahe Osten bleiben bei der Verabschiedung gesetzlicher Verbote gegen FGM/C zurück.
Das Beenden von FGM/C erfordert einen globalen und gleichzeitig differenzierten Ansatz.  Der globalisierte Charakter von FGM/C erfordert nicht nur eine globale, sondern auch eine differenzierte Reaktion, die auf die besonderen Ausprägungen von FGM/C zugeschnitten ist, die sich nach Regionen, Ländern oder Gemeinschaften unterscheiden. Wie dieser Bericht zeigt,
werden bessere und umfassendere Daten über die Existenz und die Verbreitung von FGM/C, die verstärkten Investitionen in die Bemühungen zur Beendigung von FGM/C, die wirksame Implementierung von Gesetzen zum Verbot von FGM/C sowie maßgeschneiderte und umfassende Richtlinien und Dienstleistungen für Überlebende in jedem Land benötigt, in dem FGM/C bekanntermaßen praktiziert wird.
Durch die Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) sind Aktivisten und Länder eine erhebliche öffentliche Verpflichtung eingegangen, um FGM/C bis 2030 weltweit zu beenden. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen die politischen Verpflichtungen jetzt vollständig umgesetzt werden, indem die Bemühungen beschleunigt und globalisiert,
verlässliche Daten gesammelt und verbreitet und die erforderlichen Mittel bereitgestelltwerden, um wirksame Gesetze, Richtlinien und Maßnahmen zur endgültigen Beseitigung von FGM/C einzuführen.

Digital Alchemist

Wichtigste Empfehlungen
Zu diesem Zweck fordern die wichtigsten Empfehlungen in diesem Bericht die Regierungen, die internationale Gemeinschaft und die Geber auf:

– das globale politische Engagement und die Priorisierung von FGM/C zu stärken;
– die Evidenzbasis durch kritische Forschung zu verbessern;
– dringend die Mittel und Investitionen zur Erreichung des globalen Ziels (SDG 5.3) zu erhöhen;
– umfassende Gesetze und nationale Richtlinien zu erlassen und durchzusetzen;
– das Wohlergehen von Überlebenden durch entsprechende Unterstützung und Leistungen zu verbessern.

Veröffentlicht von

Thom댊

NOUSOUND - Sound, Bild und Idee. NOUSOUND ist ein Sound-Label aus Erding in Oberbayern. Digitale Malerei – Kompositionen aus Sound und Film, aus Fragment und Bild, aus Farbe und bloßer Form. Das ist NOUSOUND. Manchmal in Deutsch, ein anderer Text in Englisch oder Spanisch. Manchmal Reggearythmen, manchmal purer Drum and Bass, dann wieder Folklore oder Techno, elektronische Soundspielereien am Synthesizer. Der Klang versucht zu erzählen.

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