Kid Soldiers

Kid Soldiers
Kindersoldaten

KINDERSOLDATEN

von Ninja Charbonneau

Rekrutierung und Einsatz von Kindern in Konflikten: Kinder ohne Kindheit

Kinder leiden am meisten unter Kriegen und Konflikten. Besonders grausam ist es, wenn Erwachsene sie in ihre Kriege verwickeln und dazu bringen, als Kindersoldat oder Kindersoldatin zu kämpfen und zu töten. 

Kinder werden aber nicht nur zum Kämpfen benutzt, sondern zum Beispiel auch zum Spähen oder Kochen, oder sie werden sexuell missbraucht. Mädchen, die als Kindersoldatinnen rekrutiert werden, sind in besonderem Maße verwundbar und häufig sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt und Ausbeutung ausgesetzt. Viel zu oft bleibt dies unsichtbar.

Jeder Einsatz von Kindern durch Armeen und bewaffnete Gruppen ist eine Verletzung von Kinderrechten, bei Kindern unter 15 Jahren gilt er sogar als Kriegsverbrechen. Wenn hier vereinfachend von „Kindersoldaten und Kindersoldatinnen“ die Rede ist, sind damit – so die offizielle Bezeichnung bei den Vereinten Nationen – alle Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren gemeint, die bewaffneten Streitkräften oder Gruppen angegliedert sind.

UNICEF setzt sich weltweit dafür ein, die Rekrutierung von Minderjährigen zu beenden, Kindersoldaten und Kindersoldatinnen freizulassen und ihnen dabei zu helfen, ein neues, ziviles Leben anzufangen.

Im Südsudan und anderen Ländern wie der Zentralafrikanischen Republik oder der Demokratischen Republik Kongo gelingt es UNICEF und Partnern immer wieder, Kindersoldaten zu befreien. Aber Zehntausende Jungen und auch Mädchen werden immer noch als Kindersoldaten und Kindersoldatinnen missbraucht. Sie sind Zeugen von Gewalt und begehen selbst Gewalttaten. Vor allem aber sind sie Opfer und brauchen besonderen Schutz. Sie sind Kinder ohne Kindheit, und der Weg zurück in ein normales Leben ist schwer.

Am 12. Februar ist Welttag gegen den Einsatz von Kindersoldaten und Kindersoldatinnen – eine jährliche Erinnerung, dass noch viel passieren muss, um diese schwere Kinderrechtsverletzung endlich zu beenden.

KINDERSOLDATEN ERZÄHLEN UNICEF IHRE GESCHICHTE

Viele Kinder haben als Kämpfer jahrelang das Töten gelernt, wurden ausgebeutet und missbraucht. Meist sind sie nie zur Schule gegangen. Viele bewaffnete Gruppen setzen die Mädchen und Jungen ein, weil sie leichter zu manipulieren oder schlicht billiger sind als Erwachsene. Die Gründe, weshalb sich Minderjährige bewaffneten Gruppen anschließen, sind vielfältig: Teilweise werden Kinder entführt und mit Gewalt dazu gezwungen, in anderen Fällen nutzen Milizen die Armut und Not der Kinder aus.

Als Tom (alle Namen geändert) mit 14 seine Waffe niederlegt, hat er drei Jahre voller Gewalterfahrung hinter sich – er war erst elf, als sein Dorf in Pibor überfallen wurde. „Ich erinnere mich noch daran, als ob es gestern wäre. Ich hörte überall Schüsse und schreiende Menschen. Häuser haben gebrannt. Gerade, als wir unser Haus verlassen wollten, wurden wir von Soldaten eingekreist. Sie haben meine älteren Brüder geschlagen und gefragt, ob sie Waffen hätten. Meine Eltern sind mit mir und den anderen jüngeren Kindern in den Wald gerannt. Aus unserem Versteck haben wir gesehen, wie die Männer unser Haus abgebrannt und meine älteren Brüder mitgenommen haben.“

Es war nicht das erste Mal, dass Toms Dorf angegriffen wurde. Bei einem früheren Angriff war eine seiner Schwestern getötet worden. „Ich konnte es nicht mehr ertragen, unschuldige Kinder und Frauen sterben zu sehen. Ich war sehr verbittert wegen des Tods meiner Schwester. Deshalb habe ich beschlossen, dass ich etwas tun muss. Ich wollte mich wegen all der Morde rächen, vor allem an dem meiner Schwester, deshalb schloss ich mich der Cobra-Miliz an.“

Toms Eltern waren damit einverstanden. Fast ein Jahr lang blieb er zunächst bei der Miliz. An den Tagen, an denen er nicht als Kämpfer gebraucht wurde, half er als Koch, Träger oder Wachtposten. 2014 schickte ihn der Kommandeur weg und sagte ihm, er solle zur Schule gehen. Aber als Toms Dorf zwei Jahre später erneut angegriffen wurde, wurde Tom wieder Kindersoldat. „Ich hatte keine Wahl: Entweder würde ich zur Cobra-Miliz gehen oder von den Regierungssoldaten getötet werden, also ging ich zur Cobra.“

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Anders als viele andere Kindersoldaten wurde Tom nicht zwangsrekrutiert – für ihn war die bewaffnete Gruppe ein Umfeld, in dem er etwas Schutz und regelmäßig zu essen bekam. Trotzdem ist der 14-Jährige heute traurig, wenn er an seine Zeit als Kindersoldat zurückdenkt: „Ich habe das Gefühl, dass ich drei Jahre meines Lebens verloren habe. Wenn ich zur Schule gegangen wäre, würde ich jetzt bald einen Abschluss machen.“

Die verlorenen Jahre kann Tom zwar nicht nachholen, aber er bekommt jetzt eine zweite Chance. In einem von UNICEF unterstützten Interims-Center hat er Beratung und psychosoziale Hilfe erhalten. Inzwischen wurde er mit seiner Familie wiedervereint und hofft, dass er bald zur Schule gehen kann.“Nie wieder! Nie wieder werde ich mich einer Miliz anschließen! Wenn es noch mal Kämpfe in meinem Dorf gibt, werde ich wegrennen und mich verstecken. Und wenn es ruhig ist, werde ich zur Schule gehen.“

WO GIBT ES KINDERSOLDATEN?

Kindersoldaten und Kindersoldatinnen weltweit

Kindersoldaten gibt es nicht nur in Afrika, sondern in vielen Ländern – obwohl die unfreiwillige Rekrutierung und die Beteiligung von Minderjährigen an Kampfhandlungen in den meisten Ländern verboten ist. Niemand weiß, wie viele Kindersoldatinnen und Kindersoldaten es weltweit tatsächlich gibt.

Manche Schätzungen gehen von bis zu 250.000 Kindersoldaten und Kindersoldatinnen weltweit aus, aber Beweise gibt es nur in deutlich weniger Fällen. Die Vereinten Nationen veröffentlichen jedes Jahr einen Bericht über Kinder in Konflikten, in dem auch die Zahlen für nachweislich rekrutierte Kinder genannt werden – und die Namen der dafür verantwortlichen Armeen oder bewaffneten Gruppen. Auf dieser sogenannten „Liste der Schande“ stehen momentan über 60 Konfliktparteien. In 20 Ländern beziehungsweise Konfliktsituationen werden schwerste Menschenrechtsverletzungen gegen Kinder begangen – dazu gehören die Rekrutierung von Kindersoldaten, aber auch die Tötung und Verstümmelung von Kindern oder Angriffe auf Schulen und Krankenhäuser. Insgesamt wurden 2018 über 24.000 dieser schwersten Verstöße verifiziert.

 

No fear
You are eternal

Besonders viele Mädchen und Jungen werden von verschiedenen Gruppen in den langwierigen Konflikten im Südsudan, in der Zentralafrikanischen Republik, in der Demokratischen Republik Kongo, in Somalia, in Syrien und im Jemen für ihre Zwecke missbraucht. Auch in Afghanistan, Mali oder Myanmar werden Mädchen und Jungen als Kindersoldaten oder Helfer von bewaffneten Gruppen eingesetzt. Problematisch ist außerdem häufig der Umgang der Sicherheitskräfte mit Kindern und Jugendlichen, die wegen ihrer (vermeintlichen) Zugehörigkeit zu einer bewaffneten Gruppe inhaftiert und teilweise misshandelt werden. Mädchen sind dabei besonders verletzlich. Neben aktiven Kampfhandlungen sind sie gleichzeitig massiver Gewalt innerhalb der Gruppen und Armeen ausgesetzt.

Im Jahr 2018 konnten weltweit 13.600 Mädchen und Jungen aus bewaffneten Gruppen befreit werden. Aber Tausende Kinder sind weiter im Kriegseinsatz. Allein in Somalia wurden durch die Vereinten Nationen 2018 rund 2.300 Fälle und in Nigeria fast 2.000 Fälle von Minderjährigen dokumentiert, die in bewaffneten Konflikten neu als Kindersoldaten rekrutiert wurden. Es wird geschätzt, dass die Dunkelziffer noch weit höher ist. Aber es gibt auch Fortschritte: Rund 65.000 ehemalige Kindersoldaten konnten in den vergangenen zehn Jahren befreit werden.

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Only when …

19.000 Kindersoldaten und Kindersoldatinnen allein im Südsudan

In Südsudan, dem jüngsten Staat der Erde, tobt seit Dezember 2013 ein blutiger Bürgerkrieg. Der Präsident und sein ehemaliger Stellvertreter, die zu verschiedenen Ethnien gehören, liefern sich seitdem einen erbitterten Machtkampf. Zwar haben die verfeindeten Gruppen 2018 (erneut) einen Friedensvertrag geschlossen, der zu einem Nachlassen der Kämpfe geführt hat, aber echten Frieden gibt es noch nicht. Schätzungen zufolge wurden Hunderttausende Menschen seit 2013 getötet, rund vier Millionen Menschen aus ihrem Zuhause vertrieben – und schätzungsweise 19.000 Minderjährige wurden seit 2013 als Kindersoldaten oder -soldatinnen rekrutiert.

Das Abkommen hat weltweit Diskussionen angestoßen und Gesetzesänderungen bewirkt. Laut Zusatzprotokoll gilt die Rekrutierung von Kindern unter 15 Jahren als Kriegsverbrechen. Mädchen und Jungen unter 18 Jahren dürfen nicht gegen ihren Willen eingezogen werden oder an Kampfhandlungen teilnehmen. Das Zusatzprotokoll hat unter anderem dazu beigetragen, dass Verantwortliche erstmals vor dem Internationalen Strafgerichtshof angeklagt wurden.

So wurde 2012 der kongolesische Milizenchef Thomas Lubunga vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen der Rekrutierung von Kindersoldaten zu 14 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt – ein wichtiges weltweites Signal. Auch Charles Taylor, der ehemalige Präsident von Liberia, wurde 2012 zu 50 Jahren Gefängnis verurteilt. Ihm wurde eine Reihe von Kriegsverbrechen zur Last gelegt, darunter die Rekrutierung und der Einsatz von Kindersoldaten.

AI - KI
You gonna be machine

UNICEF-HILFE FÜR EHEMALIGE KINDERSOLDATEN

Der Weg zurück in ein normales Leben ist für ehemalige Kindersoldaten und Kindersoldatinnen sehr schwer. Oft sind sie traumatisiert von dem, das sie erlebt haben – und selbst tun mussten. In manchen Fällen werden sie in ihren Familien und Dörfern als Mörder angesehen und können nur langsam wieder in die Gesellschaft integriert werden. Mädchen werden besonders häufig von ihren Familien verstoßen, wenn sie ungewollt schwanger geworden sind und mit einem Kind zurückkehren.

Leider sind die Reintegrationsprogramme für ehemalige Kindersoldatinnen und -soldaten derzeit unterfinanziert. Etwa im Südsudan, wo UNICEF damit rechnet, für die nächsten drei Jahre fünf Millionen US-Dollar für diese Programme zu brauchen. Bislang ist davon nur ein Fünftel finanziert.

Sense
The sense of life

KINDERSOLDATEN

Vor zwei Jahren wurde Martina von der Miliz verschleppt, sie war 13 Jahre alt. Was ihr dabei blühte, wußte sie genau. Im Kongo gibt es tausende Kindersoldaten. Sie werden gedemütigt, ausgebeutet und – ausgebildet: zum gnadenlosen Kampf an der Waffe.

Es ist kalt hier im Kongo, auf 2000 Metern Höhe. Masisi heißt die Region, die östlich von Goma liegt. Es sieht aus wie in den Schweizer Voralpen: Sanfte Hügel, saftiges Grün, überall Holsteiner Kühe. Idyllisch. Und genau hier sind 27 Rebellengruppen beheimatet, die gegen die kongolesische Regierung oder wahlweise untereinander kämpfen. So unterschiedlich ihre Ziele sind, eines verbindet sie: Sie rekrutieren gezielt Kinder als Soldaten.

Martina fröstelt, die 15-Jährige zieht ihre einzige Decke eng um sich. Mit ihrer Familie wohnt sie in einer winzigen Hütte. Zum Schutz gegen den Regen, der hier täglich am Nachmittag einsetzt, ist ihre Unterkunft mit einer Plastikplane bespannt. Hunderte dieser Behausungen ziehen sich ringförmig um die Höhenzüge. Die Wege zwischen den Hütten sind rutschig, es riecht nach Urin, Kinder und alte Leute beäugen misstrauisch jeden Neuankömmling.

Martina wurde von der Miliz verschleppt, als sie 13 Jahre alt war. Als die Milizionäre in ihr Heimatdorf einfielen, plünderten sie das Dorf und nahmen Martina und eine Freundin mit. Sie mussten Lebensmittel, Kochtöpfe und alles andere, was die Milizionäre für wichtig befunden hatten, tragen. Die Mädchen wehrten sich nicht, sonst wären sie an Ort und Stelle erschossen worden.

Martina wusste genau, was ihr blühte: Im Kongo gibt es tausende Kindersoldaten. Zuerst war sie nur fürs Putzen und Waschen zuständig, doch manchmal, sagt sie, wurde sie auch mitgeschickt, um bei Plünderungen in Dörfern mitzumachen. Zweimal wurde sie vergewaltigt – ein Schicksal, das den meisten weiblichen Kindersoldaten widerfährt. Zum Glück, sagt sie, sei sie nicht schwanger geworden. Dann hätte sie nicht mehr fliehen können, weil sie an Kind und Vergewaltiger gebunden gewesen wäre. Und ihre Familie hätte sie auch gar nicht mehr akzeptiert.

 

Digital Alchemist

Eine vollwertige Ausbildung – zum Kampf

Nach einigen Monaten drückte man ihr ein Maschinengewehr in die Hand, man wollte sie zu einer vollwertigen Soldatin ausbilden. Martina lernte zu schießen, sie lernte zu zielen, sie lernte Krieg. Anderthalb Jahre später vertrauten ihr die Milizionäre genug, um sie alleine zum Markt zu schicken – und Martina nutzte die Chance. Statt zurückzukehren, marschierte sie stundenlang, bis sie endlich wieder in ihrem Heimatdorf ankam. Doch ihre Eltern waren nicht mehr dort. Sie waren geflohen, der Krieg hatte sich in Martinas Heimatregion immer stärker ausgebreitet. Nur durch einen Zufall erfuhr sie, dass sich ihre Eltern jetzt im Flüchtlingslager Masisi befanden. Als sie schließlich dort ankam, freuten sich ihre Eltern, ihre totgeglaubte Tochter wieder in die Familie aufnehmen zu können. Aber sie stellten eine Bedingung: Martina musste in einem Caritas-Zentrum für ehemalige Kindersoldaten wieder lernen, zivil zu sein.

Seit 2004 hat die Caritas in dieser umkämpften Region, in und um Goma, vier Zentren zur Wiedereingleiderung ehemaliger Kindersoldaten (CTO) aufgebaut. In diesen Zentren sollen die Kinder innerhalb einiger Monate verstehen lernen, dass ihre leidvolle Vergangenheit vorbei ist, dass sie in ihr Kinderleben zurückkehren können. In den vergangenen neun Jahren sind fast 6.500 Kinder durch diese Heime gegangen und konnten danach wieder an ihre Eltern übergeben werden. Beim Abschluss des Wiedereingliederungs-Kurses erhalten sie eine Bescheinigung der kongolesischen Armee, dass sie nun geläuterte Zivilisten sind. Diese Bescheinigung ist wichtig für die Dorfgemeinschaft, um schwarz auf weiß zu sehen, dass diese Kinder keine Gefahr mehr darstellen. Dass sie willig sind, ihre militärische Vergangenheit hinter sich zu lassen und wieder ein normales Leben zu führen.

Ziviles Leben lernen

Im Innenhof eines solchen Kinderheims, in Masisi, steht der 15-Jährige Paul neben anderen ehemaligen Kindersoldaten. Ein wenig abseits, schließlich verspotten ihn die Älteren ab und zu, weil er langsam ist. Seine Kleider schlackern ihm um die Glieder, Staub hat sich auf seine Sandalen gesetzt. Wie die anderen ehemaligen Kindersoldaten spielt er ein Lernspiel mit: „Stellt euch jetzt im Kreis auf,“ fordert ein Betreuer mit sanfter Stimme die 32 Jungen auf, die vor ihm stehen. Vorsichtig und gleichzeitig murrend, wie alle Kinder in der Pubertät, bewegen sie sich in die gewünschte Richtung. Sie kichern, stoßen sich gegenseitig in die Rippen und sagen einen Spruch auf, der ihr Mantra ist: „Du bist Zivilist!“ Sie müssen auf Zuruf weiter in den Kreis springen, der das CTO symbolisiert, wer das nicht schafft, bleibt in seinem alten Soldatenleben stecken. Das soll ihren Ehrgeiz wecken, noch stärker an ihrer Vergangenheitsbewältigung zu arbeiten und ein Heimatgefühl schaffen.

Vier Monate wird Paul mit den anderen in einem kleinen Schlafsaal mit Stockbetten verbringen, wird mit ihnen essen, lernen mit Tieren umzugehen und ein Feld zu bestellen. Während er lernt umzudenken, wird der Dorfschneider seine Schuluniform anfertigen, damit er in die Schule gehen kann, werden die Köchinnen für ihn und die anderen Kinder eine einfache Tagesmahlzeit kochen. All das bezahlt die Caritas, damit Paul wieder eine Chance hat – und die Perspektive auf einen Frieden im Kongo erhöht.

Die Caritas-Betreuern achten darauf, wie es ihm geht, wie er reagiert – und sie sind in jedem Moment für ihn da. Wie zum Beispiel der Mitarbeiter Jules. Er selbst war als Kind, mit 14, ein Soldat. Drei Jahre lang. Drei Jahre in denen er die anderen Kinder um sich herum sterben sah. Immerhin hatte er das Glück, dass seine Einheit in die reguläre kongolesische Armee eingegliedert wurde – dadurch musste sein Befehlshaber ihn gehen lassen. Auch Jules hat seine militärische Vergangenheit im CTO bewältigt. Und er durfte nochmal die Schulbank drücken. Beim Gedanken daran bricht sich ein strahlendes Lächeln Bahn. „Meine Betreuer haben mir so sehr geholfen, dass ich das weitergeben muss“. Für Jules war klar, dass er diese Hilfe zurückgeben musste, indem er anderen ehemaligen Kindersoldaten beisteht. „Das macht mich glücklich!“ sagt er begeistert.

 

Namaste
Namaste

Der Psychologe muss tiefe Wunden heilen

Auch bei Paul, dem ehemaligen Kindersoldaten, besteht Hoffnung: Er wird wieder in die Schule gehen und hat am Ende dieser Zeit hoffentlich gelernt, mit den schlimmsten Erlebnissen aus seiner Zeit als Kindersoldat umzugehen. Dann kann er in sein Dorf zurückkehren und hat eine Chance, von der Dorfgemeinschaft wieder akzeptiert zu werden.

Was er erlebt und getan hat, ist nichts, was die Dorfgemeinschaft – oder er – so schnell vergisst: Beim Erzählen fährt er sich immer wieder mit der Zunge über die Lippen, sein Kopf wackelt dabei hin und her. Sein Körper bewegt sich ständig. Er blinzelt, öffnet den Mund – und doch kommen dem 15-Jährigen die Worte nur langsam über die Lippen. Er hat mit angesehen, wie seine Freunde – ebenfalls Kindersoldaten – Menschen töteten.

„Ich war nicht daran beteiligt,“ sagt er auf Swahili. Aber er plünderte und raubte, er musste Nahrung für die Miliz beschaffen. Zuerst war er nur ein Träger, dann diente er in der persönlichen Leibwache eines Offiziers, schließlich war er ein normaler Soldat. Doch dann gab es einen Wink des Schicksals: Eines Tages prophezeite ihm eine Frau aus einem Dorf, das seine Miliz plünderte: „Wenn du weiterhin Soldat bleibst, stirbst du bald.“ Er musste immer wieder an diesen Satz denken – und nutzte die erste Gelegenheit zur Flucht. Tagelang wanderte er durch den Busch, bis er schließlich zu einem Posten der UN -Schutztruppe  gelangte. Dort gab er seine Waffe ab und wurde an die Caritas weiterverwiesen.

Paul ist einer jener Fälle, in denen die Caritas-Heimleiter entscheiden müssen, ob sich die Probleme legen werden, oder ob er so schwer traumatisiert ist, dass er psychologische Unterstützung braucht. Paul hat Glück, dass die Caritas vor knapp einem Jahr einer der wenigen kongolesischen Psychologen für sich gewinnen konnte.

Es gibt viele ehemalige Kindersoldaten, meint Pascal Luhiriri, die wegen ihrer Erlebnisse an Schizophrenie oder Depressionen erkranken. Sein schwerster Fall war ein Junge, der jeden Tag zu einer bestimmten Zeit Blut sehen wollte. Sein Bedürfnis konnte er nur befriedigen, indem er sich mit anderen Kindern prügelte oder Tiere verwundete. Nur dann habe er sich beruhigt.  „Geistig war er immer noch bei einer Miliz, wollte schießen – aber mangels Waffe warf er Steine“ erklärt Luhiriri.  „Daher habe ich ihn immer wieder zu einem ruhigen Platz geführt, wo er sich austoben konnte.“ Ganz langsam, erzählt er, fand das Kind damit und über viele Gespräche zu einer inneren Ruhe und konnte seine ursprünglichen Gewaltphantasien ablegen.

Kindersoldaten sind im Kongo eine Normalität. Kinder, die ihrer Familie entrissen und verschleppt werden, die furchtbares mitansehen müssen und furchtbares tun. Doch die Arbeit der Caritas hilft ihnen, gibt ihnen und ihren Familien eine Chance, wieder Frieden zu finden – und an der Gesellschaft mitzuarbeiten. Denn jeder der ehemaligen Kindersoldaten träumt davon, mach der Schule einen nützlichen Beruf zu ergreifen. Der eine möchte bei einer Hilfsorganisation mitarbeiten, der andere will Automechaniker werden und noch ein anderer will studieren. Die Caritas hat diese Normalität möglich gemacht. Sie hat es ermöglicht, dass Kinder, die nach Hause zurückgekehrt sind, auf die Frage, ob es ihnen gut geht, mit einem schlichten, lächelnd vorgetragenen „Ja.“ antworten können.

Von Alexander Bühler

 

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Thom댊

NOUSOUND - Sound, Bild und Idee. NOUSOUND ist ein Sound-Label aus Erding in Oberbayern. Digitale Malerei – Kompositionen aus Sound und Film, aus Fragment und Bild, aus Farbe und bloßer Form. Das ist NOUSOUND. Manchmal in Deutsch, ein anderer Text in Englisch oder Spanisch. Manchmal Reggearythmen, manchmal purer Drum and Bass, dann wieder Folklore oder Techno, elektronische Soundspielereien am Synthesizer. Der Klang versucht zu erzählen.

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